Tinnitracks – Lieblingsmusik gegen Tinnitus

Wollt ihr mich verarschen? Diagnose: schriller Pfeifton auf beiden Ohren (Tinnitus), Therapie: mindestens zwei Stunden täglich Lieblingsmusik per Kopfhörer hören. Hä? Genau das verspricht ein Unternehmen aus Hannover, angeblich unterfüttert mit wissenschaftlichen Untersuchungen.

Die Idee hatte ich schon vor ein paar Jahren gelesen, Uni Münster entwickelte, Musik, aus der die Tinnitusfrequenz rausgefiltert ist, um diesen damit aus dem Kopf zu filtern. Ich war skeptisch und fragte beim Tinnitus-Centrum der Charité nach. Dessen Chefin Doktor Mazurek war noch skeptischer, wollte das neue Verfahren nicht empfehlen, verwies aber auch darauf, dass es sowieso keine verlässlichen Mittel gegen Tinnitus gibt, meistens ein Cocktail aus verschiedenen Maßnahmen hilft, weniger gegen den Tinnitus an sich, mehr, damit umzugehen zu lernen. Einen Schalter habe die Wissenschaft nicht gefunden, sagte sie, das sei auch sehr unwahrscheinlich. Wusste ich ja auch, war aber trotzdem entmutigt, hatte keine Lust darauf, viel Geld auszugeben und alle paar Wochen für eine Untersuchung nach Münster zu fahren, ließ das also sein.

Ich hab eh schon jede Menge versucht, war bei zig Ärzten, habe mich massieren und akupressieren lassen, diverse Entspannungstechniken erlernt, in Gruppen- und Einzeltherapie diskutiert, meine Ohren dauerhaft extern berauscht. Ich habe mir von einem wirren Anthropologen eine ad-hoc-Diagnose abgeholt (“Sagen Sie nichts! Sie sind Künstler! Bühne?”) und ein Krakelbild zeichnen lassen, das mein fünfjähriger Neffe nicht besser hinbekommen hätte. Ein blinder Masseur bearbeitete meine Fußreflexzonen, eine Homöopathin rammte mir Nadeln in den Schädel, eine andere in Füße und Schläfen, und danach beamte sie mir die Energiebahnen mit einem Infrarot-Lämpchen frei. Geholfen hat davon kaum etwas. Akupunktur vorübergehend, Cranio-Sakral-Massage tat gut, ansonsten die Übung, in den Park zu gehen und mit geschlossenen Augen zu lauschen, wie viele Vögel man hört (inklusive dämlichem Kommentar von Passanten: “Na, spürst du die Energie?”).

Also, warum jetzt die Lieblingsmusik-Sache? Weil das noch fehlte. Oder eher: Und weil Lu Yen einen Text über Tinnitracks geschrieben hat und so begeistert war (und mir den Pressekontakt vermittelte). Bin ich auch so begeistert? Wir werden sehen. Sobald mein neuer Kopfhörer da ist, fange ich an, sponsored by Tinnitracks übrigens.

Update:
Weil es einige Nachfragen gab, ob Tinnitracks bei mir gewirkt hat: Nein. Aber mein Tinnitus hat eine sehr hohe Frequenz, zu der Tinnitracks nach eigenen Angaben keine Erfahrungen gesammelt hat. Wie es bei anderen Frequenzen ist, kann ich nicht beurteilen.

Bild: Tinnitracks Promo

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