Schwullesbisch mit lila Haaren – Über die typisch deutsche Suche nach dem richtigen englischen Wort

Amerika, Du hast es einfacher! Du hast simple, einsilbige Wörter für unsere komplexe gesellschaftliche und sexuelle Wirklichkeit, die wir provinziellen und dabei so perfektionistischen Deutsch-Sprechenden uns aus Deinem Englisch aneignen müssen. Unsere eigene Sprache, von Deinem Schriftsteller Mark Twain nicht ohne Grund „the awful language“ genannt, ist nun mal so schrecklich unperfekt und vielsilbig, das sie einfach nicht wiedergeben kann, was draußen in den Hörsälen und Sexclubs und drinnen in den Hintern und Köpfen passiert. Unsere teutonische Sehnsucht nach Regeln, Eindeutigkeit und Klarheit, in der eigenen Sprache muss sie auf ewig unerfüllt bleiben.

Dafür können wir lange Sätze besser. An denen wird in den deutschsprachigen Seminaren der Queer- und Gender-Studies gerne geschraubt, um wortreich zu erklären, warum man queer besser erst gar nicht erklärt: Weil uns allein das schon in die Falle der Heteronormativität tappen lässt! Darum sitzen in diesen Seminaren auch genderneutrale Studierende und keine heteronormativen Studenten, freilich um den Preis dass die vielen nicht-studierenden Studenten heute ganz ohne eigenes Wort quasi nackt im Gender-Trouble stehen.

Und in Amerika? Erklärte mir ein/e queere/r ZiegenbartträgerIn im San Francsico der Neunziger schon den Unterschied in einfachen englischen Worten: Das Gegenteil von „gay“ sei „straight“. Das Gegenteil von „queer“ sei „square“. Eben, so einfach ist das. Wer eben nicht homo ist, ist hetero. Und wer nicht schräg ist, der ist quadratisch, praktisch, heteronormativ.

Wer aber in einem Land leben will, in dem eine Lesbe gay sein darf und ein Heteromann queer, der darf in Deutschland, Österreich, Liechtenstein und der deutschsprachigen Schweiz kein Zelt aufschlagen. Wir importieren eben leider nur Worte und keine Gedanken. Das war schon immer so.

In die spießigen Mittelgebirge und Tiefebenen der zentraleuropäischen Walachei wurde der amerikanische Kampfruf „gay!“ in den Sechziger und Siebziger Jahren vor allem eingeführt, um den Begriff „gentlemen only“ an den Messingschildern türspionbewehrter Bars zu ersetzen, die grundsätzlich „Hoppla Sir!“, „Chapeau Claque“ oder „Tiffany’s“ hießen und von innen auch so aussahen. Es wurde als emanzipatorischer Fortschritt verkauft. Von den Schwulen, die damals noch ungewaschen und homonormativ an den Universitäten in „Rosa Salons“ herumlungerten, wollte man sich wohlriechend absetzen. Es hatte auch den Vorteil, dass die Nachbarin sich zwar vorstellen konnte, was hinter den Türen eines Gentleman-Only-Clubs passiert, gay aber allerhöchstens mit der West Side Story in Verbindung brachte: „pretty, witty and gay“.

Gay, das war in deutschsprachigen Landen kein Aufruhr und kein Widerstand, sondern Parfümhund, Handgelenksschwäche und ein Sambuca für den jungen Herrn am Nachbartisch. Ein Wort zum Wegnuscheln. Ein Wort, so leer, dass es heute nur noch in seinen Verballhornungen eine Chance hat zu überleben: gaynial, gaymein, Gaysundheit. Ein Wort, von dem sich viele wünschen, die Gaystapo käme endlich, um es für alle Zeiten in ein Lager für Gayhirnlosigkeiten zu sperren.

Um gay zu sagen, wenn sie gay meinten, mussten also die mittlerweile ausstudierten und gewaschenen Schwulen und Lesben einen – immerhin deutschen – Begriff erfinden: schwullesbisch. Aber wie das mit Begriffen so ist, sie führen ein Eigenleben und eh man es sich versieht, verstecken sie sich in Nischen, aus denen man sie kaum noch herausbekommt.
In diesen Nischen sitzt das Problem, dass die Derridas, Foucaults und Butlers so unscharf erkannt haben und warum sie alle den Adorno-Preis verdienen: In unserer konstruierten Realität beschreiben Worte eben nur die Konstrukte und nicht die Realität. Und wo man glaubte, mit schwullesbisch sozusagen integrativ zu wirken, geschah das Gegenteil. Wollte der Sambuca-Trinker schon nicht schwul sein, so wollten viele Schwule und Lesben um nichts in der Welt schwullesbisch sein. Statt Zäune einzureißen, wurde nur wieder ein neues Gatter errichtet.

Es wurde schnell zu eng für den wachsenden Bedarf. Transmänner und –frauen, kuriose Bi-Menschen, Intersexuelle, Unentschlossene, sie alle spürten den Wunsch nach einem Wort, das die in endlosen sexualpolitischen Debatten konstruierte Identität endlich schlagkräftig wiedergeben könnte. Aus den Queer-Theory-Seminaren wurde vorsichtig das Wort „queer“ vorgeschlagen.

Aber leider, leider, das ist zwischen Flensburg und Bozen schon längst den Weg all der anderen coolen Begriffe aus Amerika gegangen. Queer, in Ermangelung eines coolen Wortes für gay, hat sich in die deutschsprachigen Frontallappen aller Nicht-Queer-Sein-Wollenden längst als Synomym für „schwullesbisch“ eingefressen. Freilich nicht, ohne nochmals einen Zaun im Gedanken-Gatter zu ziehen: Queer ist schwullesbisch mit lila Haaren. Und es raucht American Spirit.

Lasst es den Sexualforscher Martin Dannecker gewesen sein, der die klugen Texte schrieb, mit denen aus Rosa von Praunheims zappeligen Bildern ein wichtiger Film wurde, der gesagt hat: Schwul ist ein Verb! Sich verlieben, rumknutschen, Arsch ficken, Möse lecken: alles Handlungen. Schwul und lesbisch, queer und gay sind aber alles Adjektive, Beigeworfenes also, mit dem wir kategorisieren, schubladisieren, Identitäten stricken, wo eigentlich keine sind. Töpfe, in denen wir Menschen sammeln. Begann also der sprachphilosophische Fehler nicht schon, als Krafft-Ebing die Homosexualität erfand – und mit ihr die Homosexuellen?

Sehen wir der dekonstruierten Wirklichkeit ins Gesicht: Keiner dieser Begriffe kommt der Buntheit menschlicher Sexualität, diesem facettenreichen Spiel von Körper, Seele und Begehren, eigentlich nah. Das ist der Kern aller Begriffsdebatten. Auf der Suche nach dem richtigen Wort im falschen Denken möchte ich deshalb einen Vorschlag weiterreichen, den ein junger Mann in einem Berliner Techno-Club gegen vier Uhr fünfundvierzig eingereicht hat. Auf meine zaghafte Frage, ob er schwul oder hetero sei, schaute er mir verständnislos in die Augen und sagte: Ich bin wurscht!

Dirk Ludigs

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