Mirko außer sich

Mirko Welsch ist Vorsitzender der Homosexuellen in der AfD und nicht nur deshalb für viele Schwule eine amtliche Hassfigur. Er lebt im saarländischen Dudweiler, zwei Kilometer von dem Ort entfernt, in dem unser Autor seine Kindheit verbracht hat. Versuch einer Annäherung

Zuerst erschienen in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift Männer

Dudweiler | Den Marktplatz dominiert eine 80er-Jahre-Einkaufspassage von postmoderner Scheußlichkeit. Bis auf Woolworth, dem ersten Haus am Platz, steht sie fast völlig leer. Auf dem Wochenmarkt davor überwiegen die Stände mit Billigtextilien. Vorm Metzgerwagen steht immerhin noch eine Schlange. Kaum jemand ist unter 50. „Wo geht’s denn hier zum AfD-Stand?“, frage ich die Brezelfrau an der Ecke. „Ei do hinne!“ sagt sie unaufgeregt, als würde sie das jeden Tag gefragt.

Auf Facebook hat Mirko Welsch angekündigt, an Gründonnerstag am Stand der Alternative für Deutschland Ostereier zu verteilen und dazu Fotos gepostet, die beweisen, dass nur weiße Eier sich AfD-blau färben lassen, die „braunen werden nämlich grün“. Mit zwei Parteifreunden hat er sich vor der Volksbank aufgebaut. Tatsächlich sieht er selbst ein bisschen wie ein Gründungsmitglied der Grünen aus mit seiner schiefen Nickelbrille, den wirren Locken und einem Parka, der allerdings nicht grün ist, sondern braun. Die meisten Passanten hasten an ihm vorbei. Seine blauen Eier nehmen die wenigsten. Eine Frau mittleren Alters regt sich im Vorbeigehen lautstark auf, weil sie findet, die AfD instrumentalisiere mit der Aktion die Attentate von Brüssel für ihre Politik.

„Die stehen da ständig, bei Wind und Wetter“, sagt Elmar Just vom Buchladen gegenüber, der sich seit vielen Jahren wacker gegen den wirtschaftlichen Niedergang der Fußgängerzone stemmt, „wie die Zeugen Jehovas!“ Eine Kundin findet es wichtig, mir zu sagen, dass viele in Dudweiler sich in der Flüchtlingshilfe engagieren und dass die wenigsten hier so denken wie die AfD.

Dass es dem Ort schlecht geht, bestreitet niemand im Buchladen. Es gibt zwar keine Migranten-Ghettos wie in den Großstädten oder im nahen Frankreich, und die größte Einwanderergruppe sind bis heute die Italiener, die in den 50ern kamen, um in den Kohlegruben zu schuften. Aber die Angst vor dem Abstieg ist spürbar. Ein Drittel seiner Einwohner hat der Stadtteil schon verloren und seine ganze Industrie, geblieben sind die Alten und die wenig Mobilen, Leerstand und Verfall prägen das Ortsbild. In Dudweiler-Mitte lebt jedes dritte Kind von Transferleistungen. Das ist das soziale Umfeld, in dem Angst sich mit der Sehnsucht nach einer als besser empfundenen alten Zeit verbindet.

In Dudweiler hat die AfD schon bei den Kommunalwahlen 2014, lange vor den Flüchtlingen, 6,8 Prozent geholt. Seitdem sitzt Mirko Welsch als ihr Vertreter im Bezirksrat. „Unter uns gesagt, der hat einen an der Schüssel“, sagt einer seiner Bezirksratskollegen. „Der Welsch äußert sich zu allem und jedem und spielt sich gern als Rächer der Enterbten auf. Der ist ständig in der Offensive, wird schnell aggressiv und beleidigend, dann überschlägt sich seine Stimme und er fängt an zu geifern. Es gibt Kollegen, die sagen, er ist eine Schande für unser kleines Parlament.“ Und dass er als Schwuler in der AfD ist? „In meinen Augen ist er ein Feigenblatt. Wenn man andere AfDler sieht, dann merkt man, die nehmen das eher zähneknirschend hin, dass da auch ein Schwuler mitmischt.“

In der Fußgängerzone ist Mirko seine Eier doch noch losgeworden. Ich stelle mich ihm vor, erzähle, dass ich einer dieser schwulen Journalisten bin, die er im Netz gerne als „linksgrünversifft“ bezeichnet und dass ich über Ostern in meiner alten Heimat bin. Er hat nichts gegen ein Treffen, im Gegenteil. Wir verabreden uns für Dienstagabend. Voller Stolz und ungefragt erzählt er mir, dass gerade ein amerikanisches Radioteam dagewesen sei, die wissen wollten, warum er als Schwuler für Donald Trump sei. Dabei er zieht Luft durch die Zähne und seine Augen blitzen. Mein erster Eindruck: Der Mann  braucht Aufmerksamkeit wie Sauerstoff.

„Stimmt, dem Welsch geht es momentan richtig gut, in der Blase des Internets kriegt er wahnsinnig viel Bestätigung!“ Der schwule SPD-Landtagsabgeordnete Sebastian Thul und ich sitzen in einem Bistro gegenüber des Saarbrücker Schlosses. Wir essen Bärlauch-Risotto und trinken Moselriesling zum Lunch. Nach einem Vormittag in Dudweiler wirkt die saarländische Landeshauptstadt wie große, weite Welt. Mirko war auch schon Mitglied in der FDP, erzählt mir Thul, aber da haben sie ihn rausgekantet. Und die saarländische AfD habe gerade andere Probleme, die ließen ihn rumturnen. Tatsächlich wird nur wenige Stunden später der ganze Landesverband vom Bundesvorstand der AfD aufgelöst. Zu enge Kontakte zu saarländischen Neonazis. Auch von Welsch kursiert ein Foto, auf dem er eine stadtbekannte NPD-Frau in einer Kneipe küsst, offensichtlich nicht mehr ganz nüchtern. Doch das Foto, hat er entrüstet im Netz erklärt, sei vor deren Eintritt in die NPD entstanden.

Saarbrückens Schwulenszene ist überschaubar geworden. Im History treffen sich die Älteren zum Quatschen, in der Einraum-Bar die Jüngeren zum Trinken und spätabends dann alle im Keller des Boots zum Cruisen. Am Stadtrand gibt es eine schwule Sauna. Mirko, sagen mir die Leute im History, war in der Szene schon immer ein Exot, auch wegen seines Äußeren. Einer, der ihn näher kennt, sagt: „Jetzt kann er endlich die Klappe aufreißen und sich wichtig fühlen.“

Mirko selbst sieht das natürlich anders. Wir haben uns im Sudhaus verabredet, dem Stammladen der AfD in Dudweiler. Die Wirtin ist ausgesprochen freundlich, bunt geschminkt, mit dickem, orangefarbenem Lippenstift. Ich denke, sie hält mich auch für AfD-blau. Mirko hat überraschend seinen Freund mitgebracht, den Sozialpädagogen Walter Klicker, geschätzte Mitte 40 mit graumelierten Haaren, kleiner Brille und rundlichem Gesicht. Walter hat, wie auch Mirko, mal bei den Grünen angefangen, erzählt er mir. Auch in Berlin sei er eine Weile gewesen, habe sich sogar im schwulen Beratungszentrum Mann-O-Meter engagiert.

Meinen Einwand, Homophobie mache sich doch an den Inhalten einer Partei fest und nicht daran, wie viele Schwule sich in ihr engagierten, lassen sie nicht gelten. Mir fällt der Dannecker-Satz aus den 70ern ein: „Da die Schwulen vom Spießer als krank und minderwertig verachtet werden, versuchen sie noch spießiger zu werden, um ihr Schuldgefühl abzutragen mit einem Übermaß an bürgerlichen Tugenden. Sie sind politisch passiv und verhalten sich konservativ als Dank dafür, dass sie nicht totgeschlagen werden.“

Diese Dankbarkeit, von Kreisen ernst genommen zu werden, denen man sich im kleinbürgerlichen Weltbild nahe fühlt – oder zumindest dieses Gefühl haben zu dürfen –, der Wunsch nach Anerkennung ist am Stammtisch des „Sudhaus“ mit Händen zu greifen. Es erinnert mich an meinen Kampf um die Anerkennung durch meinen Vater in der saarländischen Provinz vor 30 Jahren.

Nur, auf diese Anerkennung habe ich irgendwann gepfiffen und eine neue Heimat gefunden. Mirko, Walter und die anderen Schwulen und Lesben in der AfD sind offensichtlich in der neuen Welt nie heimisch geworden. Das verbindet, so unterschiedlich sie sonst sind, die beiden im „Sudhaus“ mit Leuten wie David Berger oder Alice Weidel, der Lesbe im AfD-Vorstand. Sie alle wünschen sich die Welt mit dem Wertekanon ihrer Kindheit zurück, in der sie aber diesmal dazugehören dürfen. Deshalb versuchen sie passend zu machen, was für alle anderen offensichtlich nicht zusammen passt. Bei Mirko klingt das so: „Die AfD steht heute da, wo vor 20 Jahren die CDU gestanden ist, wieso gilt das heute als rechts?“ Und: „Eingetreten bin ich wegen der Euro-Rettung. Die Interessengemeinschaft der Homosexuellen habe ich gegründet, um die Partei in Schutz zu nehmen und zu zeigen, es gibt auch Schwule in der AfD.“

Der Historiker Paul Nolte vermutet hinter dem Aufstieg der AfD eine Überforderung des Individuums mit der Uneindeutigkeit der modernen Welt. Auch die schwule Welt ist nicht mehr so eindeutig. Schwul, damit konnte man noch was anfangen, aber was ist dieser Wortsalat LGBTI? Wenn Schwule adoptieren dürfen, kommt dann als nächstes eine Quote? Müssen Kinder wirklich schon so früh über sexuelle Vielfalt erfahren? Welche Forderung ist gerechtfertigt, welche hysterisch?

Zurück im Hotelzimmer finde ich eine anonyme E-Mail auf meinem Computer mit einem PDF-Anhang. Er entpuppt sich als ein Brief aus dem vergangenen Sommer an den gerade geschassten AfD-Landesvorsitzenden Dörr und sicherheitshalber gleich auch noch an alle Bezirksbürgermeister der Stadt Saarbrücken. Offensichtlich von einem AfD-Sympathisanten, der sich genötigt fühlt, einen strammen Rechten vor Mirko Welsch zu warnen. Der Verfasser zeichnet das Bild einer gescheiterten Existenz, die von staatlichen Transferleistungen existiere, aus allen möglichen Parteien geflogen sei, von den Grünen über die FDP, bis hin zu so obskuren Gruppen wie der Freien Union der Fürther Landrätin Pauli und einer Eigengründung namens Bürgerlich-Demokratische Partei. Von finanziellen Unregelmäßigkeiten ist die Rede, auch Mirkos Sexleben bleibt nicht unerwähnt. Eine klassische Denunziation. Keine Frage, auch in der eigenen Truppe hat Mirko nicht nur Freunde. Die sind von ihm genau so überfordert, wie er von einer schwulen Welt, in der er niemals angekommen ist.

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