Festung Europa im Reiche-Kiez

Geradezu idyllisch geht es in Kreuzberg in der Ohlauer, Lausitzer und Reichenberger Straße zu. Auf der Straße kein Autoverkehr, Halbwüchsige kicken einen Ball hin und her, Väter schieben Kinderwagen über die Bürgersteige, Leute sitzen vor ihren Läden und quatschen miteinander. Ein neues Wir-Gefühl entsteht im Kiez, es gibt Aufrufe zu gemeinsamen Picknicks auf der Straße, Nachbarn kommen miteinander ins Gespräch, die sich Jahre lang höchstens gegrüßt haben.

Eigentlich super – wenn da nicht die Polizeisperren an den Straßenkreuzungen wären. Und wenn man nicht jedes Mal an den Sperren den Ausweis zeigen müsste: Rein dürfen nur Anwohner und Pressevertreter (und andere, die glaubhaft nachweisen können, hier etwas zu suchen zu haben). Alle anderen müssen draußen bleiben. Geschäfte bleiben zu oder haben kaum Kunden. Die Buslinie M29 wird umgeleitet, zwischenzeitlich auch mal eingestellt.

Seit bald einer Woche sperrt die Polizei drei Straßenzüge für die Allgemeinheit, weil die Räumung der Gerhard-Hauptmann-Schule am letzten Mittwoch nicht so verlief wie erhofft: Rund 40 Flüchtlinge und Unterstützer_innen drohten angeblich damit, das Gebäude anzuzünden bzw. flüchteten aufs Dach und drohten, sich hinunterzustürzen. Seitdem gibt es ein Patt: Raus will keiner, rein soll keiner, also sind die Straßen gesperrt. Für alle.

Eine komplett verfahrene Lage mit wenigstens einer positiven Nebenwirkung: Die Folgen der deutschen und europäischen Asylpolitik sind mitten in Berlin spürbar. Der unmenschliche Umgang mit Flüchtlingen wird nicht mehr an die Außengrenzen, in “sichere Drittstaaten” oder in abgeschiedene Flüchtlingsunterkünfte ausgelagert. Sondern manifestiert sich mitten in der Stadt. Der zur Sperrzone gewordene Kiez im Belagerungszustand mahnt und fragt: Soll dieses Land wirklich so mit Flüchtlingen umgehen? Und der Kiez hat seine Antwort gefunden: “Refugees welcome” steht auf Transparenten.

No Comments

Add a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *