“Es ist noch viel schlimmer” – Tuvia Tenenboms “Allein Unter Deutschen”

“Das ist nicht die Wirklichkeit, was Tuvia Tenenbom in seinem Buch beschreibt. Die Wirklichkeit ist viel schlimmer!”

Rafael Seligmann gestern in der Volksbühne, als er mit Christoph Dieckmann, Jörg Thadeusz und Tuvia Tenenbom über dessen Buch “Allein unter Deutschen” diskutierte.

Vorher hatten sich Tenenbom umd Dieckmann beharkt: Dieckmann sagte, Tenenbom habe doch nach dem Antisemitismus in Deutschland gesucht, kein Wunder, dass er da so viel gefunden habe, auch angesichts der antisemitischen deutschen Vorgeschichte von Luther über Treitschke zu Stöcker und eben Hitler. Tuvia war daraufhin rot angelaufen und hatte aus dem Satz “Ich habe nicht danach gesucht, das Thema kam einfach zu mir” einen theaterreifen Monolog gemacht, war aufgesprungen und hatte gestikuliert, Dieckmann möge doch mit ihm gemeinsam auf die Straße und in die Kneipen gehen und mit den Menschen sprechen. Sowieso sei das die Eigenschaft vieler Deutschen, die ihn kritisierten: Sie läsen das Buch nicht ganz und beurteilten die Welt von ihrem Schreibtisch (oder umzingelt von Büchern wie Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung – sie hatte Tenenbom zuvor hart kritisiert und danach sein Angebot ausgeschlagen, sich an einem von ihre gewählten Datum mit ihm zu einer öffentlichen Diskussion zu treffen). Er, Tenenbom, dagegen sei rausgegangen und habe mit den Menschen wirklich geredet. Tenenbom kommt vom Theater, deshalb kann er klare Worte in eine beeindruckende Performance verpacken. Klar, der muss schauspielerisch auch etwas drauf haben, sonst könnte er sich nicht ein paar Stunden in eine NPD-Kneipe setzen und die Volksdeutschen mimen.

Der mäßig vorbereitete Moderator Thadeusz gab Jakob Augstein als Stichwort, um weiter über den deutschen Antisemitismus zu debattieren – dann sollte Rafael Seligmann wohl zwischen Dieckmann und Tenenbom vermitteln. Und sagte: Alles sei noch viel schlimmer, als Tenenbom beschreibe. Als Jude müsse er sich rechtfertigen, dass er noch in Deutschland lebe, dass er aufs Klo gehe und dass Netanjahu in Israel eine bestimmte Politik fahre. Das sei nicht nur in Deutschland so, sondern überall, “von Albanien bis Zypern”, und er frage sich, wieso die Menschen nicht einfach mal versuchten, sich in einen Juden hineinzuversetzen. Damit gab er der Diskussion (nicht nur der in der Volksbühne) eine menschliche Note und öffente eine Perspektive über die Feststellung des (offenen wie unterschwelligen) Antisemitismus hinaus. Schade, dass an dieser Stelle die Zeit um war und Tenenbom eilig die Veranstaltung beendete.

Zwei ärgerliche Anmerkungen noch:

* Auf dem Podium saßen nur Männer. (Wie auch im Buch vor allem Männer vorkommen, wobei das auch ein bisschen der Tatsache geschuldet ist, dass diese Gesellschaft patriarchal ist und Tenenbom deswegen vor allem Männer traf.)

* Als Einleitung ließen die Veranstalter_innen der Diskussion ein Kapitel aus Tenenboms “Allein unter Deutschen” vorlesen: das einzige Kapitel, in dem nicht nur der deutsche Antisemitismus vorkommt, sondern auch der von Türken in Duisburg-Marxloh. Als wollten die Veranstalter_innen sagen: Okay, die Deutschen im Buch sind antisemitisch, aber die Türken/Muslime sind da noch viel schlimmer. – Peinlich.

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