NSU-Jahrestag: Ein voller Oranienplatz ist zu wenig.

Vor genau einem Jahr erschossen sich die Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos und zündeten ihr Wohnmobil an. Danach kamen die unfassbaren Taten des NSU ans Tageslicht, und heute rief das Bündnis gegen das Schweigen bundesweit zu Demonstrationen auf, um der Opfer zu gedenken. In Berlin kamen ganze 3.000 Menschen.

Der Oranienplatz in Kreuzberg war voll: Es schien eine Masse Menschen zu sein, viel mehr als bei anderen Demonstrationen, die hier so losgehen, gegen Gentrifizierung, Mieterhöhungen, Staat oder Kapital. Aber gekommen waren vor allem wieder junge Leute in schwarzer Kleidung, es gab mehr Fahnen politischer Splittergruppen als Parteien aus dem Parlament, obwohl die Linke und Bündnis90/Die Grünen zur Demo aufgerufen hatte. Ein Verlorener wedelte mit einem kleinen SPD-Fähnchen.

Waren das viele? Nein, im Gegenteil. Angesichts der unfassbaren Vorgänge in den Geheimdiensten, der Querfinanzierung von rechtsradikalen Strukturen durch Bezahlung von V-Leuten, des eklatanten Rassismus auf allen Ebenen sind 3.000 Demonstrant_innen ein Witz. Ein voller Oranienplatz ist zu wenig. Wo waren die Gewerkschaften? Wo waren die Kirchen? Wo die türkischen Verbände? Wo die Nachbarschaftsvereine, die SPD?

Sie alle fehlten, und es fehlten auch die Menschen. Deutschland pflegt eine “Nie wieder”-Erinnerungskultur an die immer mehr historisierte Zeit des Nationalsozialismus, die offensichtlich vor allem institutionalisiert ist. Die Links zur Gegenwart fehlen. Nazis? “Da kümmert sich die Polizei/Politik drum”, scheinen viele zu sagen. Dabei zeigt genau die Reihe der NSU-Skandale, wie sehr Sicherheitsorgane und Politik einer öffentlichen Kontrolle bedürfen, wie stark dort (und wohl in uns allen) das Bild des guten Deutschen und des bösen Ausländers ist. 3.000 Menschen auf der Straße an diesem Tag sind ein Armutszeugnis.

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