99 Tage ohne Facebook – Tag 7

Hoppla, ich hätte gedacht, dass ich noch viel schneller ein Follow-Up schreibe. Und zwar zum Thema: Wie doll macht Facebook die Sozialkontakte kaputt? Nicht so doll, dass ich das aufschreiben müsste? Dabei hatte ich mich schon am ersten Tag einsam gefühlt, SMS an meinen Freund: “Habe mich von Facebook für 99 Tage abgemeldet und fühle mich jetzt schon einsam!!” – Dazu gibt das Programm, in dessen Zusammenhang ich Facebook-abstinent bin, einen Tipp, den zweiten von fünf: “2. Get together with this friend you’ve been dying to hangout with for so long.” Mit Le Tigre im Geiste habe ich das tatsächlich getan. Nur hatte ich dabei das Gefühl, dass ich das auch getan hätte, wenn ich auf Facebook geblieben wäre.

Die Sache ist ambivalent: Ich bin von meinen 700+ Facebook-Kontakten getrennt oder zumindest den paar Dutzend, die mir der Facebook-Algorithmus anzeigt bzw. denen er mich anzeigt – ist trotzdem ein ganzer Kosmos sozialer Interaktionen. Mir wird das Fahrrad geklaut, wo hole ich mir Trost? Ich trete mit Christiane Rösinger im LCB auf, deren Musik ich früher rauf und runter gehört habe, wo bekomme ich dafür Schulterklopfen? Solche Momente habe ich mehrere. Auch als mein Freund mir erzählt, wie er jemanden beobachtet hat, der seinem Hund den Hintern abputzt. Das hätte auf Facebook mindestens 15 Likes gebracht!

“Malte Göbel schläft.”

Oder das Reden von sich in Dritter Person: In den Anfangsjahren von Facebook stand der_die Postende ja immer direkt vor dem Status, was die meisten dazu verführte, von sich in der dritten Person zu sprechen. Mein allererster Facebookeintrag lautete glaube ich “schläft”, was also als “Malte Göbel schläft” zu lesen war. Ich habe deswegen immer noch Momente, in denen ich etwas tue und dabei von mir in Dritter Person denke: Malte Göbel rennt der Bahn hinterher. Malte Göbel verpasst die Bahn. Malte Göbel kommt zu spät in die Redaktion. Malte Göbel wird mit diesem Text nicht den Journalismus neu erfinden, muss er aber auch gar nicht. Malte Göbel freut sich auf die Steuernachzahlung 2015. Und so weiter.

Die Dichterin Nora Gomringer hat daraus ein ganzes Gedicht gemacht, “Fortsetzung” heißt es, erschienen in ihrem Band “Klimaforschung“. Vermutlich war das ganz ohne Facebook-Einfluss (Nora?), es fängt so an:

Nora Gomringer ist irritiert.
Nora Gomringer ist sicher, dass sich die Dinge ändern werden.
Nora Gomringer wird eines Tages eine Spezialistin sein.
Nora Gomringer hat den Schalk im Auge.
Nora Gomringer hat ein Brett vor dem Kopf.
Nora Gomringer wundert sich über den Ausgang der Geschichte.
Nora Gomringer sagt huch. (…)

Und meine liebste Stelle, zwei Dutzend Zeilen später:

Nora Gomringer verschieb ein Sofa ganz ohne Hilfe.
Nora Gomringer ruft einen Freund an.
Nora Gomringer verschiebt einen Schrank mit der Hilfe eines angerufenen Freundes. (…)

Es ist eine schnelle Abfolge von Befindlichkeitserklärungen, die manchmal deplatziert wirken, sich manchmal lustig aufeinander beziehen. Wie Facebook. Aber man muss sie nicht in Facebook reinschreiben, man kann sie auch in ein echtes Buch schreiben.

“Malte Göbel schreibt die Dinge jetzt in ein echtes Buch.”

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