99 Tage ohne Facebook – Tag 1

Es dauerte viereinhalb Stunden, bis ich doch wieder reinschaute. Gegen 16 Uhr hatte ich mein Profilbild geändert und den Status gepostet: Ich bin raus, 99 Tage ohne Facebook. Noch schnell einen launigen Spruch hingeschmiert, dass die Leute mich auch irgendwie anderswo erreichen können (Twitter?), mit dem Gedanken, dass sie schon wissen sollten, wo und wie, und wenn sie es nicht wissen, sollte es so dringend sein, dass sie jemanden fragen können sollten. Einem kanadischen Freund, der mich vor drei Tagen auf Facebook nach 15 Jahren wiedergefunden hatte, noch schnell meine Email-Adresse geschickt, und raus war ich. Und dann viereinhalb Stunden später, gegen 20.30 Uhr, wieder drin. Mit nur ein bisschen schlechtem Gewissen. Eher Aufregung, die bekannte: Was habe ich verpasst? Ein paar „Gefällt mir“-Klicks auf mein 99-Tage-Abwesenheits-Posting, ein paar Kommentare: Viel Spaß in der Freiheit, gute Sache. Aber kein Weltuntergang.

Nur verpasst hätte ich tatsächlich etwas:

  • das Storify vom Zündfunk über die peinliche „Gaucho“-Aktion der deutschen Nationalelf
  • Die WM-Traumelf ohne Deutsche von 11Freunde (ok, nach drei Spielern eh weggeclickt)
  • Wie „Top-Journalist Wolfram Weimer“ ein Interview autorisierte (und dabei entstellte)
  • Wie die kanadische Zeitung Globe&Mail über meinen Torontoer Bekannten Mez schreibt, der vor einem Monat öffentlich machte, dass er einem Frauenpaar vor zehn Jahren Samen gespendet hat und damit Vater ohne Vaterrolle ist: „In a changing world of family diversity, kids don’t care where love comes from“ – okay, ich wusste das mit seinem Sohn Santiago schon seit ein paar Jahren, aber fand es doch rührend, das ausgerechnet dort zu lesen, mit dieser ziemlich progressiven Message in der größten Tageszeitung von Kanada.

Wäre schade gewesen.

Wird vielleicht nicht so leicht in den nächsten 98 Tagen. Also doch Twitter?

„Enjoy missing out on events by doing even cooler unexpected things at the same time“, ist der erste Tipp, den die Seite 99 Days Without Facebook gibt. Mal gucken. Etwas spannenderes tun als all das, was man auf Facebook findet? Könnte schwer sein: Ich war dabei ein Interview abzutippen, als ich nochmal schnell Facebook checken wollte. Klassische Prokrastination bei einer langweiligen Tätigkeit. Wie geht das ohne Facebook? Bloggen.

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